Flussökologe DI Martin Dalvai-Ragnoli Ph. D. im Gespräch mit dem Vorsitzenden der Naturfreunde Steiermark Dr. Jürgen Dumpelnik über Wasserknappheit, unseren Umgang mit der wertvollen Ressource Wasser und die Frage, wie wir unsere Gewässer langfristig schützen können.
Fotos: iStock, Wildwasser Erhalten Tirol
Die vergangenen Monate waren von großer Trockenheit geprägt. Welche Folgen hat diese Entwicklung für unsere Umwelt, unsere Wirtschaft und unseren Alltag?
Martin Dalvai-Ragnoli: Trockenheit kann zu Wasserknappheit, Waldbränden und Ernteausfällen führen. Niedrige Wasserstände beeinträchtigen die Nutzung der Wasserkraft, Industrie und Tourismus. Besonders leidet die Natur: Bäche trocknen aus, Flüsse erwärmen sich und enthalten weniger Sauerstoff. Fische, Amphibien und Insekten geraten unter Druck, wichtige Ökosystemleistungen wie Wasserreinigung und Kühlung werden geschwächt. Auch Starkregen wird problematischer, weil trockene Böden Wasser schlechter aufnehmen und Muren oder Überflutungen drohen.
Der wetterbedingte Wassermangel wird durch die jahrzehntelangen Eingriffe des Menschen zusätzlich verschärft: Begradigte Flüsse, verbaute Ufer und betonierte Sohlen beschleunigen den Abfluss. Gewässer wurden von der Landschaft entkoppelt und ihrer Speicher- und Pufferfunktionen beraubt. Hochwasser kann sich nicht mehr in Auen ausbreiten, wodurch weniger Wasser in den Böden verbleibt und ins Grundwasser versickert.
Dumpelnik: Seit meiner Kindheit gilt Österreich als wasserreiches Land. Wir haben gelernt, Wasser sei unser großer Bodenschatz, und viele energiepolitische Entscheidungen beruhen darauf – etwa die starke Nutzung der Wasserkraft. Jetzt erleben wir einen Paradigmenwechsel: Auch bei uns ist Wasser keine unversiegbare Ressource mehr. Unabhängig davon, wie jemand zum Klimawandel steht, müssen wir anerkennen, dass sich die Rahmenbedingungen verändert haben. Mit Wasser hauszuhalten sollte gesellschaftlicher Konsens sein.
Der Klimawandel ist vor allem im alpinen Raum deutlich spürbar. Welche Herausforderungen bringt die globale Erwärmung für Mensch, Natur und die alpine Infrastruktur mit sich?
Dumpelnik: Was für Täler und Städte gilt, trifft auch den alpinen Raum. Steigende Temperaturen verändern die Topografie und erschweren die Bewirtschaftung von Almen und Hütten. Noch vor wenigen Jahren war kaum vorstellbar, dass uns auf Berghütten das Wasser ausgeht. Im vergangenen Jahr mussten wir bereits an mehreren Standorten mit Engpässen umgehen. Das zeigt, wie unmittelbar die klimatischen Veränderungen unsere alpine Infrastruktur betreffen.
Martin Dalvai-Ragnoli: Gletscher schmelzen rasant, Permafrost taut, und das Risiko von Steinschlag, Felsstürzen und Muren steigt. Langfristig sinkt durch den Gletscherrückgang die Wasserverfügbarkeit. Almen, Weidevieh und Berghütten leiden zunehmend unter Trockenheit. Zudem fällt in höheren Lagen häufiger Regen statt Schnee. Damit fehlt im Frühjahr und Sommer ein wichtiger Wasserspeicher. Das wirkt weit über die Alpen hinaus, weil Quellen, Bäche und Grundwasser von Niederschlag und Schmelzwasser aus dem Alpenraum gespeist werden.
Die Verfügbarkeit von Wasser war in Österreich lange eine Selbstverständlichkeit. Müssen wir unseren Umgang mit dieser wertvollen Ressource grundsätzlich überdenken?
Dumpelnik: Ja! Dass wie bei uns aus der Leitung hochwertiges Trinkwasser kommt, ist international keineswegs normal. Viel zu lange haben wir unseren Wasserreichtum als selbstverständlich angesehen und zu wenig wertgeschätzt. Diskussionen über Pools, Autowaschen oder übermäßige Gartenbewässerung sind notwendig. Die Sensibilität dafür, dass Wasser eine begrenzte Ressource ist, ist noch nicht überall angekommen. Wir müssen unseren Verbrauch bewusster gestalten und Maßnahmen setzen, damit Wasser langfristig ausreichend zur Verfügung steht.
Martin Dalvai-Ragnoli: Wir müssen Wasser als begrenzte Lebensgrundlage für Mensch und Natur verstehen und seine Nutzung neu priorisieren. Intakte Flüsse reinigen Wasser, kühlen die Landschaft und bieten vielen Arten Lebensräume. Rund 80 Prozent der österreichischen Fließgewässer sind in keinem guten ökologischen Zustand. Verbauungen, Wasserkraftwerke und andere intensive Nutzungen setzen sie zusätzlich unter Druck. Der Klimawandel verschärft die Situation. Deshalb müssen wir Flüsse als vernetzte Ökosysteme begreifen und schützen.
Was können Politik, Organisationen wie die Naturfreunde und jede/jeder Einzelne dazu beitragen, die lebenswichtige Ressource Wasser besser zu schützen?
Martin Dalvai-Ragnoli: Politisch braucht es den Schutz intakter Flüsse, mehr Renaturierungen, weniger Bodenversiegelung und klare Grenzen für große Wasserverbraucher. Ökologische Folgen müssen bei Projekten stärker berücksichtigt werden. Organisationen wie die Naturfreunde können Bewusstsein schaffen und mit wassersparender Infrastruktur Vorbilder sein. Auch jede/jeder Einzelne kann etwas dazu beitragen: Wasser bewusst verwenden, Regenwasser sammeln, sensible Lebensräume respektieren sowie Natur- und Gewässerschutz unterstützen.
Dumpelnik: Abgesehen von den nötigen politischen Maßnahmen finde auch ich es wichtig, dass Organisationen wie die Naturfreunde das Bewusstsein für einen sorgsamen Umgang mit Wasser in die Breite tragen. Austrocknende Flüsse und extreme Niedrigwasserstände sind keine einmaligen Erscheinungen, auch wenn es wieder kühlere oder niederschlagsreichere Sommer geben wird. Im Durchschnitt steigen die Temperaturen weiter. Wir müssen und werden uns daher dauerhaft mit dem Thema Wasser auseinandersetzen.