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Die Una – ein Naturjuwel unter Druck

Die Una Science Week brachte im Juni Forscher*innen, NGOs und Medien zusammen, um eines der letzten intakten Flusssysteme Europas zu schützen.

Text: DI Martin Dalvai Ragnoli Ph. D., Fotos: Joshua D. Lim, Bruno D’Amicis

 

Die Una fließt durch den Norden Bosniens und Herzegowinas. Sie ist für ihr kristallklares, türkisfarbenes Wasser und ihre vielen großen und kleinen Inseln berühmt. Ein weiteres charakteristisches Merkmal der Una ist ihr Reichtum an Wasserfällen, die über beeindruckende Travertin-Stufen rauschen. Travertin ist ein poröser Kalkstein, der entsteht, wenn mineralreiches Wasser Kalk ablagert und ständig wachsende Terrassen bildet. Štrbački buk ist der bekannteste und höchste Wasserfall: Er fällt über drei moosbewachsene Etagen insgesamt rund 25 Meter in die Tiefe - ein atemberaubendes Highlight. Flussabwärts davon schneidet sich die Una in enge, hohe Schluchten mit wunderschönem Wildwasser ein, die nur per Boot zugänglich sind. Hier gedeihen entlang der Ufer Auwälder, die eine reiche Artenvielfalt aufweisen. Man kann hier spüren, wie der Fluss lebt und Leben ermöglicht. Doch dieser gesunde Fluss ist bedroht, da sein Schutzstatus fragmentiert ist oder schlicht ignoriert wird. Wo sich die Schlucht weitet, werden die Ufer leichter zugänglich – auch für Bautätigkeiten. In alarmierendem Tempo entstehen große Zahlen illegaler Ferienhäuser direkt am Wasser. Unkontrollierte Bebauung begradigt den Fluss und ersetzt Auwälder – lebenswichtige Lebensräume für Vögel, Fische und viele andere Arten – durch Beton.

 

Die Una Science Week

Die Science Week, eine Initiative des Vereins RiverWatch, der sich weltweit gegen Projekte engagiert, die Flüsse zerstören, rückt das Thema Gewässerschutz in den Mittelpunkt. Sie möchte bedrohten Flüssen eine Stimme geben. Anfang Juni 2026 fand zum fünften Mal eine Science Week statt, und zwar an der Una, die mit ihren Nebenflüssen zu den ökologisch wertvollsten Flusssystemen Europas zählt.

Über 70 internationale Wissenschaftler*innen und Studierende, begleitet von NGO-Partnerinnen und -Partnern sowie Mediencrews, kamen an der Una zusammen, um ein Netzwerk von rund 660 Flusskilometern zu untersuchen. Sie sammelten in dieser Woche Daten, um den außergewöhnlichen Artenreichtum der Una und ihrer Nebenflüsse zu dokumentieren, erfassten akute Umweltbedrohungen und erarbeiteten die Grundlagen für einen großflächigen Una-Wildfluss-Nationalpark. Die Forschungsteams präsentierten ihre Erkenntnisse lokalen und internationalen Medienvertreterinnen und -vertretern. NGO-Partner, lokale Politiker*innen sowie Anrainer*innen ergänzten die Forschungsberichte mit eigenen Geschichten und verliehen ihnen zusätzliche Tiefe.

 

Forschen von einem Raft aus

Unter den Forschenden war auch DI Martin Dalvai-Ragnoli Ph. D., Flussökologe an der Universität Innsbruck und erfahrenes Mitglied des Naturfreunde-Kajak-Teams. Gemeinsam mit einer Gruppe Studierender war er mehrere Tage in einem Raft auf der Una unterwegs, um entlang von 200 Flusskilometern wasserchemische Proben zu sammeln. Neben langsam fließenden Abschnitte waren auch Stromschnellen und die eine oder andere Kaskade zu überwinden. Direkt vom Raft aus wurden unermüdlich Wasserproben genommen. Ziel ist es, die Una aus ökologischer Perspektive zu bewerten und Verschmutzungsquellen zu identifizieren. Zusätzlich will man untersuchen, wie menschliche Eingriffe die Ökosystemdienstleistungen des Flusses, wie die natürliche Wasserreinigung, beeinflussen.

 

Die Zeit drängt

In den unberührten Abschnitten der Una ist die Natur noch intakt. Ungestört vom Menschen leben dort seltene Arten. Der Fluss reinigt sich selbst und zeigt ein Bild, das in Europa kaum noch zu finden ist: Natürlichkeit. Flussabwärts, wo die Ufer bereits verbaut sind und illegale Häuser direkt am Wasser stehen, wird es stiller. Es gibt weniger Vögel und Insekten, denn ihnen fehlt die Ufervegetation. Verschmutzungen wie ungeklärtes Abwasser aus Haushalten und aus Fischzuchten beeinträchtigen die Wasserqualität. Zudem vertreiben Tourismus und Badegäste Biber, Otter und Fische. Fischarten, die in den noch unberührten Una-Abschnitten vorkommen, wie der vom Aussterben bedrohte Donaulachs (Hucho hucho), sind in diesen Abschnitten kaum mehr anzutreffen.

Die Teilnehmenden der Una Science Week wissen, dass Flussschutz möglich ist: Eine frühere Science Week hat 2023 zur Ausweisung des ersten europäischen Wildfluss-Nationalparks beigetragen: des Vjosa-Nationalparks in Albanien. Sie hat dafür wichtige Daten geliefert. Die Wissenschaftler*innen wissen aber auch, dass an der Una die Zeit drängt, denn jedes Jahr entstehen an den Ufern mehr illegale Ferienhäuser. Deshalb sammeln sie Daten und veröffentlichen ihre Ergebnisse in Fachzeitschriften und Magazinen; während der Una Science Week sind zahlreiche Zeitungsberichte und Dokumentarfilme entstanden. Mit ihnen wird die Bevölkerung informiert und auf lokale Politiker*innen Druck ausgeübt. Ihre Motivation für die intensive Arbeit ziehen die Teilnehmenden sowohl aus der beeindruckenden Natur vor Ort als auch aus der gemeinsamen Vision, die Una dauerhaft zu schützen.

Weitere Infos: riverwatch.eu/de

Während der Una Science Week sammelten Wissenschaftler*innen wichtige Daten zum ökologischen Zustand des Flusses.
Kristallklares, türkisfarbenes Wasser und weitgehend natürliche Ufer machen die Una zu einem der außergewöhnlichsten Flüsse Europas.
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