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Paraclimbing: Klettern ohne Grenzen

Das Paraclimbing-Team der Naturfreunde Steiermark ist nicht nur österreichweit, sondern auch international höchst erfolgreich. Mit Mut, Disziplin und Teamgeist zeigen die Sportler*innen eindrucksvoll, dass die Leidenschaft fürs Klettern keine Barrieren kennt.

Text: Marco Lamprecht (Trainer) & Markus Pösendorfer (Athlet), Fotos: Slobodan Miskovic, Jan Virt

 

Paraclimbing ist das Klettern für Menschen mit verschiedenen Sinnes- und Körperbehinderungen. Die Disziplin verbindet mentale Stärke mit sportlichen Höchstleistungen und beeindruckt durch Vielfalt und Inklusion. Damit die Wettkämpfe möglichst fair ablaufen, werden die Sportler*innen in zehn Klassen eingeteilt: drei Klassen für Sehbehinderte (B1–B3), vier für Amputierte (AU2, AU3, AL1, AL2) und drei für Menschen mit neurologischen oder physiologischen Einschränkungen (RP1–RP3). Je niedriger die Zahl, desto größer die Einschränkung.

Viele Zuseher*innen empfinden die Klassen AL1 und B1 als besonders eindrucksvoll. Die Teilnehmer*innen der Klasse AL1 sitzen im Rollstuhl. Beim Klettern verlassen sie den Rollstuhl und hangeln sich die Wände in athletischer Manier nach oben. In der Kategorie B1 sind die Athletinnen und Athleten vollständig blind und tragen während des Wettkampfs eine Schwarzbrille. Sie werden von einem Ansager (Guide) per Headset durch die Route geführt. Jeder Griff, jeder Zug, jeder Tritt wird präzise beschrieben – Klettern wird hier zur perfekten Symbiose aus Kommunikation, Vertrauen und Körpergefühl.

 

Die Steiermark als Paraclimbing-Hochburg

Österreich gilt seit Jahren als Paraclimbing-Nation, die regelmäßig Medaillen bei Weltcups sowie Europa- und Weltmeisterschaften gewinnt. Einen entscheidenden Anteil daran hat die Steiermark: Gleich vier der sieben Mitglieder des österreichischen Nationalteams stammen aus dem steirischen Kader der Naturfreunde:

  • Angelino Zeller (AL1) – 4-facher Weltmeister, Europameister, mehrfacher Weltcupsieger,
  • Edith Scheinecker (B2) – Europameisterin, Weltcupsiegerin, Vizeweltmeisterin,
  • Markus Pösendorfer (AL1) – Weltcupsieger, Vizeeuropameister, mehrfacher Vizeweltmeister,
  • Michael Schlegl (RP1) – Weltcupfinalist.

Das Trainerduo Alexander Guster und Marco Lamprecht, ebenfalls aus der Steiermark, begleitet das Nationalteam bereits seit den ersten WM-Medaillen 2019 im französischen Briançon mit Expertise und Feingefühl.

 

Hinter den Kulissen: Reisen mit Hürden

Was nach Abenteuer klingt, ist organisatorisch oft eine Herausforderung. Das Team reist mit mehreren Rollstühlen, Trainern, einer Physiotherapeutin und viel Equipment. Barrierefreie Unterkünfte sind rar; was online als „rollstuhlgerecht“ beschrieben wird, ist in der Realität oft kaum nutzbar. Auch Flüge sind mühsam: Rollstühle dürfen nicht an Bord; die Sportler*innen müssen in enge Bordstühle umgesetzt werden. Für sehbehinderte Athletinnen und Athleten ist jede neue Umgebung schwierig: Fehlende Beschilderung, wechselnde Lichtverhältnisse und ungewohnte Wege verlangen Mut und Orientierungssinn.

Trotz aller Widrigkeiten ist ein starkes Miteinander entstanden: Das Team der Naturfreunde Steiermark hat sich zu einer perfekt aufeinander abgestimmten Gemeinschaft entwickelt, in der gegenseitige Unterstützung, Vertrauen und Improvisation den Unterschied machen.

 

Technik, Präzision und mentale Stärke

Ein Wettkampf beginnt mit einem Technical Meeting, bei dem die letzten Details zu den Routen und Zeitplänen besprochen werden. In der Qualifikation müssen zwei Routen im Flash-Modus (die Routen sind den Sportlerinnen und Sportlern aus Videos oder durch Beobachtung anderer Wettkampfteilnehmenden bekannt) geklettert werden. Im Finale wird es spannend: Die Route ist unbekannt, die Kletterinnen und Kletterer starten aus der Isolationszone und haben nur sechs Minuten Zeit zur Vorbereitung. Geklettert wird im Onsight-Modus – wer am höchsten kommt, gewinnt. Entscheidend sind Kraft, Technik, Präzision und Konzentration.

 

Eine Saison voller Erfolge

Die Saison 2025 war intensiv und erfolgreich. Nach der Staatsmeisterschaft auf der Marswiese in Wien folgten Weltcups in Salt Lake City (USA), Innsbruck und Laval (Frankreich) sowie das Saisonhighlight: die Weltmeisterschaft in Seoul (Südkorea). Dazwischen fanden Trainingslager in Biel (Schweiz), Arco (Italien) und Innsbruck statt. Zahlreiche Podestplätze, Finalteilnahmen und konstante Spitzenleistungen bestätigen: Österreich zählt im Paraclimbing zur absoluten Weltspitze.

 

Mehr als nur Sport

Paraclimbing ist weit mehr als ein Wettkampfsport. Es steht für Inklusion, Teamgeist und den Mut, Grenzen neu zu definieren. Das Paraclimbing-Team der Naturfreunde Steiermark beweist Jahr für Jahr, dass Spitzenleistungen trotz körperlicher Beeinträchtigungen möglich sind. Ob an der Kletterwand in Innsbruck oder bei der Weltmeisterschaft in Seoul – die steirischen Athletinnen und Athleten zeigen eindrucksvoll, dass Barrieren nur so hoch sind, wie man sie im Kopf zulässt.

Volle Konzentration in der Wand: Markus Pösendorfer in seinem Element
Die sehbehinderte Athletin Edith Scheinecker mit Trainer Marco Lamprecht
Angelino Zeller und Markus Pösendorfer zählen im Paraclimbing zur Weltspitze.
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