Der Eisfall „Alice“ zählt zu den bekanntesten Eiskletterzielen der Steiermark. Seit rund 25 Jahren wird er von den Naturfreunden Breitenau betreut – ein echtes Winterjuwel und Fixpunkt für Eiskletterfans.
Text: Alexander Posch, Vorsitzender der Naturfreunde Breitenau, Lukas Schmid, Referent für Bergsport der Naturfreunde Steiermark, Fotos: Heinz Toperczer
Wenn Wasser zu Glas wird und sich Bäche, Quellen oder Wasserfälle in bizarre Gebilde aus Eis verwandeln, schlägt das Herz vieler Alpinistinnen und Alpinisten höher. Eisklettern ist eine der spektakulärsten Spielarten des Bergsports – eine Mischung aus Kraft, Präzision, Technik und Mut. Statt in warmem Fels bewegt man sich in einer fragilen, sich ständig verändernden Welt aus gefrorenem Wasser.
Mit Steigeisen, Eisgeräten und Helm ausgestattet, steigen Eiskletterinnen und Eiskletterer senkrecht oder überhängend an vereisten Felswänden empor. Jeder Schlag des Eisgeräts, jeder Tritt im glitzernden Eis muss sitzen – denn Stabilität und Sicherheit hängen von Fingerspitzengefühl und Erfahrung ab.
Zwischen Faszination und Risiko
Eisklettern zählt nicht unbegründet zu den komplexesten Formen des Bergsports. Neben der körperlichen Verfassung muss auch die psychische stimmen – Konzentration, Selbstvertrauen und Erfahrung sind entscheidend.
Die Sicherungen werden meist mit Eisschrauben selbst gelegt, wobei die Haltekraft je nach Eisqualität stark variiert. Hält das Eis am Fels? Ist es zu spröde oder schon zu weich? Droht der Eisfall durch zu viel Sonneneinstrahlung instabil zu werden?
Auch Wetter, Temperatur und Niederschlag der letzten Tage müssen in die Beurteilung einfließen – ebenso wie mögliche Lawinengefahr. Denn viele Eisfälle liegen in Rinnen und Gräben, die im Sommer Wasser führen und im Winter Lawinenabgänge kanalisieren.
Der Eisfall „Alice“ im Tiefenbachgraben
Ein besonderer Ort fürs Eisklettern liegt im Tiefenbachgraben in Breitenau am Hochlantsch. Dort wird im Winter ein Wasserfall zu einem der bekanntesten Eiskletterziele der Steiermark: zum Eisfall „Alice“, der von den Naturfreunden Breitenau seit rund 25 Jahren aufgebaut und betreut wird. Er bietet verlässliche Bedingungen, wann immer der Winter genügend Kälte mit sich bringt.
Der Eisfall besteht aus zwei Teilen – aus einem mit etwa 23 und einem mit rund 18 Metern Höhe. Die Naturfreunde Breitenau investieren in den Eisfall „Alice“ enorm viel Zeit und Engagement. Denn hinter den imposanten Eiswänden steckt viel Handarbeit: Baumstämme und Stahlseile bilden ein stabiles Gerüst, auf dem sich der Eisaufbau gleichmäßig entwickeln kann. Sobald die Temperaturen konstant unter null liegen, beginnt die tägliche Arbeit am Eis. Das Wasser wird gezielt über die vorbereiteten Strukturen geleitet, damit sich gleichmäßig starke Eisschichten bilden. Während der Frostperioden muss die Wasserführung mindestens zweimal täglich kontrolliert werden. Nur so kann ein sicherer Aufbau gewährleistet werden – eine mühsame, aber lohnende Arbeit, die jedes Jahr aufs Neue große Freude bereitet.
Die Eiskletterrouten liegen im Schwierigkeitsgrad WI4, also im mittleren bis anspruchsvollen Bereich. Geklettert wird ausschließlich im Toprope-Modus, also gesichert von oben. Das reduziert das Risiko und ermöglicht auch weniger erfahrenen Kletterinnen und Kletterern einen sicheren Zugang zum Eisklettern. Mit einem Zustieg von nur rund fünf Minuten vom speziell für Eiskletterinnen und Eiskletterer ausgewiesenen Parkplatz an der ersten Kehre im Tiefenbachgraben, am Abzweig zum Friess-Weg, ist der Eisfall zudem leicht erreichbar – ideal für Trainingseinheiten und Kurse.
Ein Ort mit Geschichte
Das Eisklettern im Tiefenbachgraben hat sich in der steirischen Wintersportszene über Jahrzehnte hinweg zu einer fixen Größe entwickelt. Was einst mit improvisierten Versuchen begann, ist heute eine bewährte und sichere Anlage, die von vielen Eiskletterfans geschätzt wird.
Die Naturfreunde Breitenau haben Pionierarbeit geleistet. Sie haben das Wissen, die Erfahrung und die Leidenschaft, die es braucht, um solch eine Anlage Jahr für Jahr zu betreiben – und sie sind es, die das Eisklettern in der Region lebendig halten.
Wenn die Winter wärmer werden
Die größte Herausforderung bedeutet mittlerweile das Wetter. Die Winter werden milder, die Frostperioden kürzer. Ein stabiler Eisaufbau gelingt nur, wenn über Tage hinweg ausreichend Minusgrade herrschen. Bleibt die Kälte aus, muss der Betrieb pausieren oder fällt ganz aus. Das macht jede Saison unvorhersehbar und erhöht den Aufwand erheblich.
Doch trotz veränderter und oft schwieriger Bedingungen geben die Naturfreunde Breitenau nicht auf. Mit großem Engagement, Gemeinschaftssinn und Leidenschaft setzen sie alles daran, den Eisfall „Alice“ auch in Zukunft zu erhalten.
Weitere Infos: naturfreunde-breitenau.at/Eisfall.html