Spektakuläre Wasserfälle, tosendes Wildwasser und dschungelgrüne Schluchten: Im Bundesstaat Veracruz wird Kajakfahren zur Grenzerfahrung. Das Naturfreunde-Kajakteam berichtet von seinem dreiwöchigen Abenteuer im Wasserfalleldorado Mexikos.
Text: Christina Hochstrasser, Fotos: Christina Hochstrasser, Mathieu Monier, Martin Dalvai
Ein Franzose, ein Italiener und eine Österreicherin fliegen nach Mexiko. Was sich wie der Beginn eines schlechten Witzes anhört, wurde für uns drei zu einem dreiwöchigen Kajakabenteuer im Wasserfalleldorado Veracruz im Osten des Landes. Wir – Mathieu, Martin und Christina – haben uns nicht zufällig dort gefunden, sondern sind Teil des Naturfreunde-Kajakteams. Was uns verbindet, sind die große Liebe zum Wildwasser und der respektvolle Umgang damit.
Über uns
Mathieu ist mit dem Kajak aufgewachsen. Sein Vater gewann Medaillen bei Weltmeisterschaften im Kajakslalom, und so lernte er früh, jeden Fluss als persönlichen Spielplatz zu begreifen. In den vergangenen zehn Jahren machte er sich selbst einen Namen: als Spitzenfahrer der französischen Slalomszene und als Finalist bei seiner ersten Extrem-Kajakweltmeisterschaft 2025 in Tschechien. Seine Begeisterung gibt er auch als Kajakinstruktor weiter und inspiriert Anfänger*innen wie Fortgeschrittene. Für ihn ist Kajakfahren weit mehr als Sport – es ist eine Einladung, den Spielgeist und das innere Kind zu bewahren.
Christina lebt ihre Wildwasserleidenschaft seit über zehn Jahren in unterschiedlichsten Facetten. Sie fühlt sich bei Freestyle-Wettkämpfen ebenso zu Hause wie auf abenteuerlichen Expeditionen rund um den Globus. Für sie ist Kajakfahren Community und Lifestyle zugleich. Auch wenn wir allein im Boot sitzen, sind Vertrauen, Kommunikation und gegenseitige Unterstützung das Herzstück jeder gemeinsamen Tour. Kaum eine Freundschaft ist tiefer als jene, die am Wildwasser entsteht. Ob bei der Naturfreunde-Wildwasserwoche in Obervellach oder auf Reisen nach Norwegen, auf den Balkan oder nach Uganda – wir setzen uns für ein inklusives, diverses Kajakumfeld ein und fördern insbesondere Frauen im Sport.
Martin entdeckte seine Leidenschaft fürs Kajakfahren vor rund acht Jahren eher zufällig – seitdem lässt ihn das Wildwasser nicht mehr los. Ihn zieht vor allem die tiefe Verbundenheit mit der Natur aufs Wasser. Er liebt es, Orte zu erreichen, die nur mit dem Boot zugänglich sind, und begreift jeden Fluss als eigenständiges Ökosystem. Als Fließwasserökologe an der Universität Innsbruck engagiert er sich wissenschaftlich und gesellschaftlich für frei fließende Gewässer. Er erforscht unberührte Flusssysteme ebenso wie die Auswirkungen der Wasserkraft und setzt sich in Vorträgen und NGOs für den Schutz bedrohter Flüsse ein – eine Perspektive, die auch unsere Reisen prägt.
Wasserfälle, Nervenkitzel und gute Vibes
Zurück nach Mexiko: Wenn wir hier paddeln, begegnen wir Wasserfallnamen, die eher aus Fantasyromanen oder Horrorfilmen stammen. „Mordor“ (= „Das schwarze Land“ in „Herr der Ringe“), „Dungeon“ (= Verlies), „Boof or Die“ oder „Meatlocker“ (=Frischfleischkühlraum) lassen erahnen, worauf wir uns einlassen. Entsprechend nervös ist die Stimmung zu Beginn. Doch Nervosität gehört dazu – sie schärft unsere Sinne und wird belohnt.
Die Flüsse rund um die Stadt Tlapacoyan schlängeln sich durch dichten Dschungel, vorbei an Bananen- und Kaffeeplantagen, stürzen über Felsstufen und gleiten über lange Slides. Klassisches „Drop-and-Pool“-Wildwasser der Schwierigkeiten 4 und 5, mit klaren Linien und sauberen Drops – ein Traumrevier für uns alle, die Wasserfälle lieben oder lieben lernen wollen. (Unter einem Drop versteht man eine steile Stufe oder einen kleinen Wasserfall, die/den man mit dem Kajak hinabfährt.)
In diesem Wasserfallparadies sammeln wir persönliche Highlights. Martin wagt sich an den berüchtigten Wasserfall „Dungeon“ am Lower Jalacingo. Für Christina kulminiert das Abenteuer im Abschnitt „Big Banana“, dessen erster Drop, der „Mexican 20“, ihre Nerven vor eine wahre Zerreißprobe stellt. Mathieu erlebt einen besonderen Moment abseits des Paddelns: Beim Abseilen zum Abschnitt „Seven Sisters“ hängt er mit dem Kajak fünfzig Meter frei schwebend über dem Wasserfall – ein Bild, das bleibt. Entscheidend ist dabei stets: Wir kennen unsere Grenzen und wissen, wie weit wir sie dehnen dürfen. Kein Druck, nur gute Vibes.
Schlichter Alltag, große Erlebnisse
Unser Alltag ist überraschend schlicht. Die Unterkunft Aventurec (aventurec.com) ist Treffpunkt für Kajaker*innen aus aller Welt. Der Tag beginnt mit laut krächzenden Vögeln. Unsere Körper fühlen sich in der Früh oft an, als hätten wir einen kleinen Autounfall hinter uns. Wasserfälle bedeuten Schleudertrauma im Miniaturformat – Drop für Drop. Yoga vor dem Frühstück hilft uns, wieder beweglich zu werden. Nach Kaffee und mexikanischem Frühstück verladen wir die Boote, die Shuttles starten. Nach dem Paddeln gibt es Tacos oder Elote vom Straßenstand, abends gemeinsames Essen.
Trotz Mücken, anstrengender Umtrager und aufgeplatzter Boote überwiegt die Euphorie. Wir sind dankbar für die Gruppe, für gegenseitiges Vertrauen, für mentale Stärke – und für diese einzigartige Landschaft. Veracruz ist kein Ort für halbe Sachen. Aber ein Ort, an den wir gerne zurückkehren. Wegen der Wasserfälle. Immer wieder wegen der Wasserfälle.